Die Verheißung

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„Alsdann wird die Jungfrau sich wieder am Reigentanz erfreuen, Jünglinge und Greise allzumal. „Ja, ich will ihre Trauer in Freude verwandeln und sie trösten und fröhlich machen nach ihrem Leid.“ (Jeremia 31:13) 

Jeremia 31 

Es gibt Worte, die wir erst dann wirklich verstehen, wenn wir selbst durch etwas hindurchgegangen sind. Solange unser Leben unversehrt erscheint, können wir von Hoffnung sprechen, ohne zu wissen, wie viel Hoffnung eigentlich kostet. Wir können davon lesen, dass Gott tröstet, dass er heilt und dass er Trauer in Freude verwandelt. Aber erst wenn etwas zerbricht, bekommen solche Verheißungen ein Gewicht, das sich nicht mehr nur mit Worten beschreiben lässt. 

Jeremia spricht zu einem Volk, das genau das erlebt hat. Jerusalem ist nicht einfach eine Stadt, die ihre politische Bedeutung verliert. Für Israel zerbricht eine ganze Welt. Heimat, Sicherheit, vertraute Ordnungen und die Hoffnung auf eine unbeschwerte Zukunft sind erschüttert. Und mitten in diese Wirklichkeit hinein spricht Gott Worte, die fast zu schön klingen: „Ich will ihre Trauer in Freude verwandeln und sie trösten und sie fröhlich machen nach ihrer Trauer.“ 

Bemerkenswert ist, dass Gott nicht sagt: „Ihr habt keinen Grund zu trauern.“ Er sagt auch nicht: „Vergesst, was geschehen ist.“ Die Trauer wird vielmehr ausdrücklich vorausgesetzt. Erst gibt es die Tränen, dann die Verheißung. Erst kommt der Verlust, dann die Hoffnung. 

Das macht Jeremia 31 für mich zu einem besonders kostbaren Kapitel. 

Denn manchmal denken wir, unser Glaube müsse beweisen, dass wir trotz aller Schwierigkeiten glücklich sind. Vielleicht glauben wir, ein guter Jünger dürfe nicht lange traurig sein. Doch die Schriften erzählen eine andere Geschichte. Rachel weint um ihre Kinder. Ephraim beklagt seinen Zustand. Das Volk kommt „mit Weinen und mit Flehen“ zurück. Und Gott weist diese Tränen nicht zurück. Im Gegenteil: Er sieht sie. 

In der Joseph Smith Translation wird dieser Gedanke nicht abgeschwächt. Auch dort heißt es, dass Israel mit Weinen zurückkommen wird und dass der Herr sein Volk wie ein Hirte führen wird. Besonders eindrucksvoll ist die Verbindung zwischen Trauer und Gottes Fürsorge: „For I am a father to Israel“ – „denn ich bin ein Vater für Israel.“ Die Verheißung beginnt also nicht mit der Veränderung der äußeren Umstände, sondern mit der Erinnerung daran, wer Gott ist. 

Vielleicht ist das der erste Schritt aus der Trauer: nicht sofort zu wissen, wie alles wieder gut werden soll, sondern zu wissen, wem wir unsere ungeklärte Zukunft anvertrauen können. 

Einige Verse später wird die Verheißung noch tiefer. Gott sagt: „Ich will einen neuen Bund mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda schließen.“ Und dann folgt etwas Erstaunliches: „Ich will mein Gesetz in ihr Inneres legen und es auf ihr Herz schreiben.“ JST Jeremia 31:31; Jeremia 31:33. 

Gott will sein Volk also nicht lediglich wieder an einen bestimmten Ort zurückbringen. Er will etwas im Inneren verändern. 

Das ist ein wichtiger Unterschied. Wiederherstellung bedeutet in der Schrift nicht einfach, dass alles wieder so wird wie früher. Manchmal sehnen wir uns genau danach. Wir wünschen uns, dass eine verlorene Beziehung wieder so wird wie einst, dass eine Krankheit verschwindet, dass ein geliebter Mensch zurückkehrt oder dass vergangene Jahre zurückgegeben werden. Doch Gottes Verheißung ist größer als eine Rückkehr in die Vergangenheit. Er spricht von einem neuen Bund, von einem Gesetz im Herzen und von einer Beziehung, in der sein Volk ihn von innen heraus erkennt. 

Vielleicht ist das auch die tiefere Bedeutung des Titels dieser Reihe: „Ich verwandle ihre Trauer in Jubel.“ Gott verspricht nicht, dass wir niemals trauern werden. Er verspricht, dass Trauer unser endgültiger Zustand sein muss. 

Ein eindrucksvolles modernes Zeugnis dafür findet sich in einem persönlichen Bericht in der Zeitschrift der Kirche. Carma Lee Call Ellingson beschreibt den Tod ihres Mannes nach langer Krankheit. Sie erzählt nicht von einer plötzlichen Auslöschung ihrer Trauer. Sie berichtet vielmehr davon, wie während der letzten Wochen seines Lebens und nach seinem Tod etwas Unerwartetes in ihrem Zuhause entstand: Frieden und Freude konnten neben der Trauer bestehen. Ihre Hoffnung gründete sich unter anderem auf die ewigen Verheißungen der Tempelbündnisse und auf Jesus Christus. Peace and Joy, Not Grief, Dominated My Heart. Why? 

Gerade das gefällt mir an diesem Zeugnis. Es behauptet nicht, dass der Tod plötzlich leicht geworden sei. Die Liebe zu ihrem Mann machte den Verlust nicht kleiner. Aber Christus machte den Verlust nicht hoffnungslos. 

Das ist etwas anderes. 

Wir müssen unsere Trauer nicht verleugnen, um gläubig zu sein. Wir dürfen weinen und trotzdem hoffen. Wir dürfen jemanden vermissen und trotzdem an die Auferstehung glauben. Wir dürfen Fragen haben und trotzdem beten. Wir dürfen manchmal nur einen kleinen Schritt vorwärts schaffen und trotzdem darauf vertrauen, dass Gott den Weg kennt. 

Auch Elder José L. Alonso hat in der Generalkonferenz 2024 über genau jene Erfahrungen gesprochen, in denen Menschen nach einem Halt suchen: beim Verlust geliebter Menschen, in Krankheit, Einsamkeit, familiären Schwierigkeiten oder den Folgen bewaffneter Konflikte. Seine Antwort führt nicht zuerst zu einer Erklärung des Warum, sondern zu Jesus Christus als dem Ort, an dem die Seele Zuflucht finden kann. Jesus Christus im Mittelpunkt unseres Lebens 

Das entspricht erstaunlich genau Jeremias Botschaft. Die Hoffnung Israels beruht nicht darauf, dass Israel selbst stark genug wäre, seine Geschichte zu reparieren. Die Hoffnung beruht darauf, dass Gott sein Volk nicht vergessen hat. 

Und genau hier wird die Verheißung persönlich. 

Vielleicht gibt es auch in meinem Leben Dinge, bei denen ich noch nicht erkennen kann, wie aus Trauer Freude werden soll. Vielleicht ist ein Verlust noch zu frisch. Vielleicht gibt es eine Enttäuschung, die nach Jahren immer noch schmerzt. Vielleicht bete ich schon lange für eine Veränderung und sehe noch keine Antwort. 

Dann darf ich Jeremia 31 lesen, ohne mich zu zwingen, bereits am Ende der Geschichte angekommen zu sein. 

Ich darf bei der Verheißung stehen. 

„Es gibt Hoffnung für deine Zukunft.“ So lautet eine weitere Zusage in diesem Kapitel. Rachel darf weinen, aber ihre Tränen sind nicht das Ende. Ephraim darf seine Schuld erkennen, aber auch seine Umkehr ist nicht das Ende. Das Volk darf mit Weinen zurückkehren, aber Gott führt es zu Wasserbächen und nennt sich seinen Vater. JST Jeremiah 31:17 

Und vielleicht ist genau das die praktische Anwendung für uns: Wir sollten Gottes Verheißungen nicht erst dann ernst nehmen, wenn wir ihre Erfüllung sehen. 

Wenn ich traurig bin, kann ich trotzdem beten. 

Wenn ich die Zukunft nicht erkenne, kann ich trotzdem einen nächsten Schritt gehen. 

Wenn mein Herz noch nicht voller Freude ist, kann ich trotzdem daran festhalten, dass Gott Freude verheißen hat. 

Wenn ich nicht weiß, wie Heilung aussehen wird, kann ich mich trotzdem Christus zuwenden. 

Eine BYU-Andacht von Alan R. Harker beschreibt Hoffnung als etwas, das durch Glauben, Bedrängnis, Geduld und Erfahrung wachsen kann. Besonders schön ist dabei sein Gedanke, dass die Erfahrungen anderer Menschen unsere eigenen „Anker“ stärken können. Gerade deshalb sind persönliche Zeugnisse so wertvoll: Nicht jeder Mensch kann uns den Schmerz abnehmen, aber jemand kann uns daran erinnern, dass Christus auch mitten im Sturm gegenwärtig ist. Hope As an Anchor of Our Souls 

Vielleicht ist das auch unsere Aufgabe füreinander. Wenn wir selbst ein wenig Licht empfangen haben, können wir es weitergeben. Nicht mit vorschnellen Antworten und nicht mit frommen Floskeln, sondern mit unserer Gegenwart, unserem Zuhören, unserem Gebet und unserem Zeugnis. 

Jeremia blickt weit über den Augenblick hinaus. Er sieht ein Volk, das weint, zurückkehrt, neu gebunden wird und eines Tages wieder singt. Der Weg dazwischen bleibt bestehen. Doch Gott kennt ihn. 

Und deshalb endet dieses Kapitel nicht mit der Trauer. 

Es endet mit der Zusage eines Gottes, der sein Volk wieder aufbauen und neu pflanzen will. Der Gott, der „gepflanzt“ hat, wird auch wieder „pflanzen“. Der Gott, der zerbrochene Dinge gesehen hat, wird sie nicht einfach ihrem Zerbruch überlassen. JST Jeremiah 31:28 

Ich glaube, dass diese Verheißung auch heute gilt. Nicht immer so, wie wir es erwarten. Nicht immer zu dem Zeitpunkt, den wir uns wünschen. Aber immer im größeren Rahmen des Erlösungswerks Jesu Christi. Durch sein Sühnopfer, seine Auferstehung und unsere Bündnisse eröffnet er eine Zukunft, die größer ist als jeder gegenwärtige Verlust. 

Ich glaube, dass Jesus Christus unsere Trauer kennt. Ich glaube, dass er nicht von uns verlangt, unsere Tränen zu verstecken. Und ich glaube, dass seine Verheißungen zuverlässiger sind als unsere gegenwärtigen Gefühle. Es gibt Zeiten, in denen ich die Freude noch nicht sehen kann. Aber ich kann mich an den halten, der sie verheißen hat. 

Deshalb möchte ich Jeremia 31 nicht nur als eine Verheißung an ein altes Volk lesen. Ich möchte es als Einladung verstehen, Gott auch meine ungeheilte Zukunft anzuvertrauen. 

Denn vielleicht beginnt die Verwandlung der Trauer in Freude genau dort: nicht dort, wo wir bereits wieder lachen, sondern dort, wo wir mitten in unseren Tränen noch glauben können, dass Gott uns nicht vergessen hat.

2 thoughts on “Die Verheißung”

  1. Lieber Manfred,

    der HERR selbst will dass es Dir gut geht, lass Dich auf ihn ein, er wird Dir gut tun, sei Dir darüber sicher. Bleibe fest im Glauben!

    Sieh hier, lies, was Frau Dr. Irmhild Bärend geholfen hat durch seine Gnade, diese wird auch Dir helfen.
    Bete und alles wird gut.

    Ich zitiere sie aus ihrem Büchlein „In meinen Träumen kann ich laufen“ aus Seite 34 und folgende…
    „nicht einen Gott, der allmächtig ist? Er allein ist es doch, der bei mir den Unterarm mit der Hand wieder so zu- sammengebracht hat, dass der Unterarm die Hand halten kann. Sie alle haben dafür treu gebetet, Wie sehr danke ich Ihnen!
    Und doch gibt es ein neues Problem: Die Spastik, die den Körper so weitgehend verlassen hat, hat sich nun auf die Schultern konzentriert, die Arme und Hande, Manchmal durchzieht sie sie wie eine Eisenklammer und hält dabei die Hände fest, sodass ich sie nicht stre- cken kann.
    Als ich das nach der OP feststellte, war ich tief ent- mutigt und unglücklich. Wo waren sie hin, die kleinen Fortschritte, das Bewegen der Finger, das Umsetzen von kleinen Figuren bei der Ergotherapie? Wie sehr hatte ich doch gehofft, schon bald den Rollstuhl mit der Hand zu fahren und nicht mehr mit einer Kinnsteuerung. Wie sehr hatte ich mir gewünscht, allmählich Blatt für Blatt eines Buches umblättern zu können. Nun heißt es wie- der: abwarten, Geduld haben.
    Was für ein Geschenk ist es dann, wenn einer aus dem wunderbaren Beterkreis einen Strauß schickt, eine Karte, einen Brief oder anruft. Oft kommen diese Uber- raschungen in einem Augenblick, in dem es am nötigs- ten ist, wenn es SO aussieht, als ob kein Licht leuchtet. Martin Luther hat einmal gesagt: ,,Dunkle Gedanken sind wie schwarze Vögel, Wir können nicht verhindern, dass sie kommer und über unserem Kopf kreisen, aber wir können sie daran hindern, dass sie Nester bauen.“ da-
    Viele Male habe ich mich in den letzten Monaten bei ertappt, dass ich, ohne es zu merken, schon Futter auf die Landebahn streute, um es den Vogeln bei ihrem Anflug recht bequem zu machen. Doch wenn man den Gegner kennt, weiß man auch, wie man ihm entgegen- treten muss. Und das geht nur, wenn man auf das Reden Gottes wartet. Wie gerne würde ich ihn manchmal laut rufen, ja schreien hören und dann ist es doch immer wieder nur ein Flüstern. Wie tröstet das: ,,Fürchte dich nicht“ oder die Worte der Jahreslosung: ,Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht“ (EŮ).
    Zu meiner großen Freude darf ich meinem Pflege- team immer etwas mehr von meiner Arbeit und meinem Glaubenshintergrund erzählen. Dabei spüre ich, dass mir auch Offenheit entgegenkommt. Wer mich auch behandelt – ich segne ihn in der Stille und denke: Gott weiß, was jeder von ihnen braucht.
    Morgen muss ich zu einer ersten Kontrolle der Pumpe in das vertraute Krankenhaus. Obwohl ich weiß, dass ich danach wieder nach Hause fahren darf, begleitet mich doch Unruhe. Alles ist noch so frisch.
    Als ich im Krankenhaus lag, hörte ich von verschiede- nen Pflegern und dem leitenden Arzt, dass sie mit ihren Kindern Schuhkartons für unsere Aktion gepackt haben. Wie dankbar war ich! Ein Pfleger sagte sogar, überall im Bereich der Wachstation und der Rückenmarkabteilung habe er Flyer für die ,,Weihnachten im Schuhkarton“ Aktion gesehen. So sind doch meine vielen kleinen An- läufe und Gespräche nicht ohne Frucht geblieben
    Immer noch liegt auf meinem Herzen der große Wunsch, den Päckchenpackern Gottes Liebesbrief in die Hand zu drücken, mit ihnen darüber zu sprechen, wie der Glaube Menschen verändert und ihnen eine neue Chance gibt.“ –
    Zitat Ende.
    Ich habe dies aus dem Buch entnommen auf das ich bereits gestern in meinem Kommentar einging.
    [Ich gehe davon aus, sie wird es mir nicht übel nehmen, daß ich ihren Geist hier verbreite, unabhängig davon, dass sie bereits verstorben ist.]
    Ich finde die Darlegungen von Frau Dr. Irmhild Bärend sehr beeindruckend, berührend.

    Nun nimm gern das daraus für Dich, was Dir gut tun könnte.
    Ich entnehme daraus einen Teil ihrer Zuversicht auf die Hilfe durch Jesus Christus, die sie selbst mehrfach in der Gnade GOTTes erfahren durfte und diese Erfahrung sie gern mit ihren Zeilen weiter verbreiten möchte und ich sehe mich hier als ihr Werkzeug an ihre Zuversicht weiter ins Land zu tragen. Möglicherweise existiert ein (c) auf den Text, worauf ich wenig achtete.

    Liebe Grüsse,
    Claus.

    1. Lieber Claus,
      herzlichen Dank für Deine ermutigenden Worte und das bewegende Zitat von Frau Dr. Irmhild Bärend. Ihre tiefe Zuversicht, ihr Vertrauen auf Gottes Gnade und ihr Umgang mit Anfechtungen haben mich sehr berührt. Danke, dass Du diese wertvollen Gedanken mit uns teilst. Möge der Herr uns allen helfen, im Glauben festzubleiben und auf sein leises, aber verlässliches Reden zu hören.

      Liebe Grüße
      Manfred

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