„Denn so hat der HErr der Heerscharen, der Gott Israels, gesprochen: ‘Man wird künftig wieder Häuser, Äcker und Weinberge in diesem Lande kaufen!’” (Jeremia 32:15)
Es gibt Augenblicke im Leben, in denen die Zukunft nicht nur ungewiss, sondern geradezu unmöglich erscheint. Wir sehen keinen Weg, der weiterführt. Wir sehen keine Veränderung, auf die wir hoffen könnten. Und manchmal ist genau das der Augenblick, in dem der Herr uns auffordert, etwas zu tun, das aus menschlicher Sicht überhaupt keinen Sinn zu ergeben scheint.
Jeremia erlebt einen solchen Augenblick.
Es ist etwa 588 v. Chr. Jerusalem wird von den Babyloniern belagert. Die Lage ist aussichtslos. Die Stadt steht unmittelbar vor ihrer Zerstörung. Jeremia selbst sitzt im Gefängnishof, weil er dem König und dem Volk die Wahrheit verkündet hat. Alles, was er sehen kann, spricht von Untergang.
Und dann kommt das Wort des Herrn.
Jeremia soll einen Acker kaufen.
Nicht irgendwann. Nicht nach dem Ende der Belagerung. Nicht dann, wenn sich die politische Lage beruhigt hat. Jetzt.
Jeremia lässt sich den Acker in Anathoth anbieten. Er bezahlt den Kaufpreis, lässt den Kaufbrief ausfertigen, nimmt Zeugen dazu und sorgt dafür, dass die Dokumente sicher in einem irdenen Gefäß aufbewahrt werden. Es ist eine ganz gewöhnliche geschäftliche Handlung – und gleichzeitig eine prophetische Handlung von großer Bedeutung.
Denn Jeremia weiß, dass dieser Acker zunächst überhaupt keinen Wert zu haben scheint. Das Land wird verwüstet werden. Jerusalem wird fallen, Menschen werden weggeführt werden. Und dennoch kauft Jeremia Land.
Warum?
Weil Gott ihm eine Zukunft gezeigt hat, die Jeremia selbst noch nicht sehen kann.
„Denn so spricht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels: Man wird wieder Häuser, Äcker und Weinberge in diesem Land kaufen.“
Glaube wird hier etwas sehr Konkretes. Jeremia glaubt nicht nur im Inneren. Er handelt. Er unterschreibt. Er bezahlt. Er bewahrt den Kaufbrief auf. Er setzt einen Fuß in eine Zukunft, die für alle anderen noch verborgen ist.
Vielleicht liegt genau darin eine der schönsten Bedeutungen dieses Kapitels für unser eigenes Leben.
Glaube bedeutet nicht immer, dass wir bereits sehen, wohin Gott uns führt. Manchmal bedeutet Glaube, zu handeln, obwohl wir es noch nicht sehen können.
Wir wünschen uns häufig zuerst Gewissheit und danach den Mut zum Handeln. Gott gibt uns dagegen nicht selten genügend Licht für den nächsten Schritt – aber nicht unbedingt für den gesamten Weg.
Auch Nephi im Buch Mormon kennt diesen Glauben. Er erhält den Auftrag, etwas zu tun, dessen Ausgang er noch nicht kennt. Er sagt nicht, dass er alle Einzelheiten versteht, sondern: „Ich werde hingehen und das tun, was der Herr geboten hat.“ (1. Nephi 3:7). Glaube besteht hier nicht darin, die Zukunft zu kennen. Glaube besteht darin, demjenigen zu vertrauen, der sie kennt.
Jeremias Acker ist deshalb mehr als ein Stück Land. Er ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass Gottes Verheißungen nicht davon abhängig sind, ob ihre Erfüllung bereits begonnen hat.
Vielleicht gibt es auch in unserem Leben einen solchen „Acker“.
Vielleicht ist es eine Beziehung, in die wir trotz Enttäuschungen weiter Liebe investieren. Vielleicht ist es ein Dienst, dessen Früchte wir noch nicht erkennen. Vielleicht ist es die Entscheidung, wieder zu beten, obwohl wir lange keine Antwort gespürt haben. Vielleicht ist es der Versuch, nach einem schweren Verlust wieder Zukunftspläne zu machen.
Solche Schritte können klein sein. Aber sie können Ausdruck eines tiefen Glaubens sein.
Ein eindrucksvolles modernes Beispiel dafür ist das Leben von Dieter F. Uchtdorf. Als Kind erlebte er die Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Seine Mutter floh mit ihren Kindern aus dem kriegsgeplagten Gebiet, und die Familie lebte später als Flüchtlinge in einem Deutschland, das von Zerstörung und Unsicherheit geprägt war. Die Zukunft war keineswegs selbstverständlich. (Die unendliche Macht der Hoffnung)
Und doch lag gerade in dieser scheinbar hoffnungslosen Zeit etwas verborgen, das der Junge damals noch nicht erkennen konnte.
Die Familie fand das Evangelium Jesu Christi. Eine ältere Frau sprach seine Großmutter in einer Schlange für Lebensmittel an und lud sie zu einer Versammlung ein. Aus diesem scheinbar kleinen Ereignis entwickelte sich ein Weg, der schließlich dazu führte, dass Dieter F. Uchtdorf selbst ein treuer Jünger Christi, Pilot und später Generalautorität und Apostel wurde. Seine Lebensgeschichte zeigt rückblickend, dass eine Zukunft bereits entstehen kann, während wir selbst noch mitten in den Trümmern stehen.
Das macht seine Geschichte so passend zu Jeremia. Der Prophet sieht die Zerstörung und kauft trotzdem einen Acker. Der kleine Flüchtlingsjunge erlebt Krieg und Unsicherheit, ohne wissen zu können, was sein Leben einmal sein wird. In beiden Fällen ist die Zukunft bereits in Gottes Händen, obwohl sie für den Menschen noch verborgen ist.
Uchtdorf hat später immer wieder über die Kraft der Hoffnung gesprochen. Auch BYU-Reden greifen den Gedanken auf, dass Glaube uns befähigt, trotz Unsicherheit auf Gottes Verheißungen zu vertrauen. Besonders passend ist die Rede Waiting upon the Lord: The Antidote to Uncertainty, in der das Vertrauen auf den Herrn gerade während des Wartens als Gegenmittel zur Unsicherheit beschrieben wird. (BYU Speeches)
Das ist genau die Bewegung, die Jeremia uns vorlebt: Warten heißt nicht Stillstand. Hoffnung heißt nicht Passivität.
Jeremia wartet auf die Erfüllung der Verheißung – und während er wartet, kauft er einen Acker.
Jeremia 33 führt diesen Gedanken noch weiter. Während Jeremia weiterhin im Gefängnishof sitzt, spricht der Herr von Heilung, Frieden und Wiederherstellung. Und dann erscheint das Bild des „Sprosses der Gerechtigkeit“, der aus dem Haus Davids hervorgehen wird.
Damit reicht die Verheißung über die Rückkehr aus dem babylonischen Exil hinaus. In Christus erhält sie ihre tiefste Bedeutung. Jesus Christus ist derjenige, in dem Gottes Zukunft endgültig Gestalt annimmt. Er ist der Beweis dafür, dass Gottes Verheißungen auch dann wahr sind, wenn ihre Erfüllung noch nicht sichtbar ist.
Das Evangelium fordert uns deshalb nicht auf, eine optimistische Zukunft zu erfinden. Es lädt uns ein, einer verheißenen Zukunft zu vertrauen.
Das ist ein großer Unterschied.
Christliche Hoffnung sagt nicht: Es wird schon irgendwie gut werden.
Sie sagt: Gott ist treu. Christus lebt. Deshalb ist meine Geschichte noch nicht zu Ende.
Vielleicht sieht dein Leben heute eher nach einer belagerten Stadt aus als nach einem blühenden Weinberg. Vielleicht gibt es gerade keinen Grund, optimistisch zu sein. Vielleicht kannst du die Veränderung, für die du betest, noch nicht erkennen.
Dann erinnere dich an Jeremia.
Der Acker wurde gekauft, bevor Jerusalem wieder aufgebaut wurde. Der Kaufbrief lag sicher verwahrt, während die Stadt noch vor dem Untergang stand. Die Verheißung Gottes war bereits ausgesprochen, obwohl ihre Erfüllung noch Jahre entfernt lag.
So dürfen auch wir manchmal handeln: Wir beten weiter. Wir vergeben weiter. Wir dienen weiter. Wir lieben weiter. Wir bauen weiter. Wir halten an unseren Bündnissen fest. Wir beginnen wieder, auch wenn wir noch nicht wissen, wie das Ende aussehen wird.
Denn vielleicht ist genau dieser kleine Schritt unser persönlicher Kaufbrief – ein stilles Zeugnis dafür, dass wir Gott glauben, bevor wir sehen können, was er vorbereitet.
Ich glaube, dass Gott seine Kinder nicht ohne Zukunft lässt. Ich glaube, dass er auch in Zeiten, in denen wir nur Zerstörung, Verlust oder Unsicherheit erkennen, bereits Möglichkeiten vorbereitet, die wir noch nicht sehen können. Für mich ist Jeremia 32 deshalb ein tiefes Zeugnis des Glaubens: Der Prophet kauft einen Acker nicht, weil die Umstände Hoffnung geben, sondern weil Gott gesprochen hat.
Und letztlich führt diese Hoffnung zu Christus, dem „Spross der Gerechtigkeit“, in dem die Verheißungen Gottes ihre sichere Grundlage haben.
Ich glaube an Jesus Christus. Ich glaube, dass seine Zukunft größer ist als meine gegenwärtige Sicht. Und ich glaube, dass wir manchmal nur den Mut brauchen, heute den nächsten Schritt zu tun – mit der stillen Gewissheit, dass der Herr bereits sieht, was wir noch nicht sehen können.


Lieber Manfred,
dieser Text, quasi als Aufforderung ein neues Anwesen zu kaufen und um den Käufer sind noch recht unsichere Verhältnisse erinnert mich an meine eigene Situation in der ich mich befand. Es war im Herbst 1993. Der Zusammenbruch der DDR liegt gerade vier Jahre zurück und ich kaufte zum ehemaligen, längst vergangenen Republiksgeburtstag, dem 7.Oktober 1993 ein Haus. Recht marode waren daran einige Dinge: Zwei Heizkörper tropften, das Heizungswasser das ich zur beginnenden Heizsaison auffüllte lief hinaus. Die Dachrinnen, Fallrohre waren unbrauchbar, defekt, durchgerostet.
Der Kaufpreis recht hoch, ob ich die Finanzierung komlett realisiert bekomme, einige Fragezeichen schwebten um mich, dennoch unterschrieb ich den Kaufvertrag. Drei Wochen später bekam ich die Zusicherung der Bank, sie gab mir das Geld zum Kauf frei. Ab da entswickelte sich alles kontinuierlich. Es gab Jahre, da konnte ich nicht tilgen, bezahlte nur die Zinsen. Aber ich blieb zuversichtlich, hatte ja Jesus im Rücken. Er ebnete mir den ungewissen Weg. Vor dem Kauf war mir wegen Eigenbedarf die Wohnung gekündigt. Um mich waren Ehefrau und vier Kinder. Es gab also die Versorgungspflicht.
Heut kann ich mild lächeln.
Alles ist gut gegangen, beinahe alles muß ich um der Wahrheit willen gemäß berichten.
Insgesamt mit dem Abstand aus heutiger sicht war aber alles gut.
So kann das Leben verlaufen, wenn der Fokus auf den HERRn gerichtet bleibt.
Liebe Grüße
Claus.
Lieber Claus,
vielen Dank für Deinen persönlichen Einblick. Beim Lesen Deiner Zeilen wurde mir erneut bewusst, dass Glauben oft genau dort beginnt, wo Sicherheiten aufhören. Du schilderst sehr eindrücklich eine Situation, in der vieles gegen einen mutigen Schritt sprach: die ungeklärte Finanzierung, der Zustand des Hauses, die Verantwortung für Deine Familie und die ungewisse Zeit nach der Wende. Und dennoch bist Du diesen Weg gegangen.
Besonders bewegt mich Deine Aussage, dass die Zusicherung der Bank erst Wochen nach der Unterschrift kam. Das zeigt sehr schön, dass Zuversicht nicht immer bedeutet, bereits alle Antworten zu haben, sondern manchmal den nächsten Schritt zu tun, obwohl noch vieles im Verborgenen liegt. Genau darin sehe ich eine Parallele zu dem Gedanken meines Beitrags.
Deine Erfahrung macht auch deutlich, dass Gottes Führung nicht unbedingt jeden Sturm vermeidet. Es gab Jahre, in denen Du nur die Zinsen zahlen konntest, und manches verlief nicht völlig so, wie Du es Dir gewünscht hattest. Umso wertvoller finde ich Deinen ehrlichen Rückblick: „Beinahe alles muss ich um der Wahrheit willen gemäß berichten.“ Gerade diese Offenheit macht Dein Zeugnis glaubwürdig.
Heute mit einem milden Lächeln zurückblicken zu können, ist vielleicht eine der schönsten Früchte eines Weges, den man einst nur im Glauben beschreiten konnte. Dein Bericht ermutigt, den Blick nicht auf die sichtbaren Hindernisse zu richten, sondern auf den Herrn, der oft erst im Rückblick erkennen lässt, wie Er den Weg geebnet hat.
Vielen Dank, dass Du diese Erfahrung mit uns geteilt hast.
Herzliche Grüße
Manfred