Der Erlöser kommt nach Zion

(Bildquelle)

„Mache dich auf, werde licht! denn dein Licht ist gekommen**), und die Herrlichkeit des HErrn ist über dir erstrahlt.“ (Jesaja 60:1) 

Jesaja 60 

Manchmal genügt ein einziger Satz, um die Atmosphäre eines ganzen Lebens zu verändern. Jesaja 59 endet in Dunkelheit. Die Menschen haben sich von Gott entfernt, Wahrheit und Gerechtigkeit scheinen verloren. Und dann, unmittelbar danach, dieser Ruf: „Mache dich auf, werde licht!“ Nicht: Warte, bis die Welt heller wird. Nicht: Mache dich selbst zum Licht. Sondern: Steh auf – denn dein Licht kommt. 

Das ist der entscheidende Gedanke dieses Kapitels. Zion leuchtet nicht aus eigener Kraft. Seine Herrlichkeit ist nicht das Ergebnis vollkommener Menschen. „Die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir.“ (Jesaja 60:1) Das Licht kommt von außerhalb von uns. Es kommt von Christus. 

Vielleicht ist das eine der tröstlichsten Wahrheiten des Evangeliums. Wir müssen nicht erst vollkommen sein, bevor Christus in unserem Leben wirken kann. Er kommt gerade in unsere Unvollkommenheit, unsere Fragen und unsere dunklen Zeiten. Jesaja leugnet die Finsternis nicht: „Denn siehe, die Finsternis bedeckt die Erde und tiefes Dunkel die Völker; aber über dir geht der HERR auf.“ (Jesaja 60:2) Die Dunkelheit ist noch da – aber sie hat nicht mehr das letzte Wort. 

Auch die Inspired Version bestätigt diese Bewegung. „Und die Heiden werden zu deinem Licht kommen, und Könige zum Glanz deines Aufgangs.“ (Jesaja 60:3) Danach beschreibt Jesaja Menschen aus allen Richtungen, die sich sammeln: „sie alle versammeln sich, kommen zu dir.“ (Jesaja 60:4) Aus Finsternis wird Licht, aus Zerstreuung wird Sammlung. 

Damit wird Jesaja 60 zu einem wunderbaren Bild für die Sammlung Israels in unserer Zeit. Menschen aus vielen Nationen kommen zu Christus. Sie schließen Bündnisse, finden geistliche Heimat und helfen wiederum anderen, den Weg zum Erlöser zu finden. Präsident Russell M. Nelson hat die Sammlung Israels als „das wichtigste Werk der Welt“ bezeichnet. Er erklärt, dass diese Sammlung auf beiden Seiten des Schleiers geschieht: durch Missionsarbeit, Tempelarbeit und Familiengeschichte, aber ebenso dadurch, dass wir den Glauben und das Zeugnis der Menschen stärken, mit denen wir leben, arbeiten und dienen. So helfen wir anderen, zu Christus zu kommen und ihre Bündnisse mit Gott zu schließen. “Lassen Sie Gott siegen” 

Besonders sichtbar wird diese Sammlung in den Tempeln. Jesaja sagt: „… und ich werde den Ort meiner Füße herrlich machen.“ (Jesaja 60:13) Der Tempel ist deshalb weit mehr als ein schönes Gebäude. Er ist ein Ort, an dem Christus im Mittelpunkt steht, an dem Bündnisse geschlossen und stellvertretend Segnungen für Verstorbene empfangen werden. Er verbindet Menschen über Generationen und Nationen hinweg. 

Eine Geschichte aus Ghana macht diesen Gedanken besonders anschaulich. Dort hatten Mitglieder lange auf einen eigenen Tempel gewartet. Schon 1989 und 1990, während eines staatlichen Verbots öffentlicher kirchlicher Versammlungen, hielten Mitglieder ihre Gottesdienste in ihren Häusern und besuchten einander. Jahre später, am 16. Februar 1998, verkündete Präsident Gordon B. Hinckley in Accra vor 6.700 Mitgliedern den Bau des ersten Tempels in Westafrika. 2004 wurde der Tempel geweiht. 

Was für ein Bild für Jesaja 60: Menschen, die durch eine dunkle Zeit gegangen waren, sahen ein neues Licht aufgehen. “The Freeze – Ghanaische Kirchengeschichte” und “First Temple in West Africa – Ghana”. 

Und dieses Licht war nicht nur ein Gebäude. Es war ein Zeichen dafür, dass die Sammlung weiterging. Der Tempel kam nicht zu einer bereits vollkommenen Gemeinschaft. Er entstand mitten in einer Geschichte des Wartens, Glaubens und Durchhaltens. 

Genau deshalb berührt mich auch eine Aussage von Justin Collings in seiner BYU-Ansprache „Gifts of Light“. Er nennt unter den besonderen Gaben Gottes das wiederhergestellte Evangelium, den heiligen Tempel, lebende Propheten – und schließlich den Sohn Gottes selbst. Alles andere erhält seine Bedeutung aus dieser Quelle: Christus ist das Licht, durch das wir überhaupt erkennen können, was wirklich gut ist. BYU Speeches – „Gifts of Light“ 

Das ist vielleicht auch für unser persönliches Leben wichtig. Manchmal warten wir darauf, dass zuerst die Dunkelheit verschwindet. Wir denken: Wenn meine Sorgen gelöst sind, wenn meine Familie wieder zur Ruhe gekommen ist, wenn ich meine Fragen beantwortet habe, wenn mein Glaube stärker geworden ist – dann kann ich wieder hoffnungsvoll sein. 

Jesaja sagt es anders: Richte dich auf, weil Christus kommt. 

Nicht weil du schon alles überwunden hast. Nicht weil du alle Antworten besitzt. Sondern weil sein Licht größer ist als deine Finsternis. 

Und dann fordert Jesaja uns sogar auf, selbst aufzustehen: „Mache dich auf, werde licht!“ Das bedeutet nicht, dass wir aus eigener Kraft Licht erzeugen sollen. Es bedeutet, dass wir das empfangene Licht nicht verborgen halten. 

Vielleicht beginnt das ganz unscheinbar. Ein Mensch braucht jemanden, der zuhört. Ein einsamer Mensch braucht eine Einladung. Ein Angehöriger braucht Vergebung. Ein Jugendlicher braucht jemanden, der an ihn glaubt. Ein Verstorbener wartet vielleicht darauf, dass jemand seinen Namen sucht und stellvertretend für ihn Tempelbündnisse empfängt. 

So wird die Sammlung Israels persönlich. 

Wir müssen dafür nicht in einer großen Geschichte vorkommen. Vielleicht wird niemand erfahren, dass wir einem Menschen Hoffnung gegeben haben. Vielleicht wird niemand sehen, dass wir einen Namen aus unserer Familiengeschichte gesucht haben, für jemanden gebetet oder in einer schweren Situation Christus treu geblieben sind. Aber genau so breitet sich sein Licht aus: von Mensch zu Mensch. 

Jesaja sieht eine Zeit voraus, in der die Tore Zions nicht mehr geschlossen werden. Menschen kommen aus allen Richtungen. Die Zerstreuten werden gesammelt. Der Fremde wird nicht mehr draußen stehen. Und am Ende steht die Quelle allen Lichtes: „Der HERR wird dir zum ewigen Licht sein.“ (Jesaja 60:19) 

Das ist vielleicht der wichtigste Satz des ganzen Kapitels. Nicht wir sind das Licht. Der Herr ist das Licht. 

Deshalb müssen wir auch nicht verzweifeln, wenn wir feststellen, wie viel Dunkelheit noch in unserer Welt und manchmal auch in unserem eigenen Herzen vorhanden ist. Ein kleines Licht muss nicht die ganze Nacht beseitigen, um echt zu sein. Es muss nur leuchten. 

Und vielleicht ist genau das die Einladung Jesajas an uns: Nicht darauf zu warten, dass die Welt zuerst hell wird. Nicht darauf zu warten, dass alle Menschen vollkommen werden. Nicht darauf zu warten, dass unsere eigenen Schwierigkeiten verschwinden. 

Mache dich auf. 

Christus kommt. 

Sein Licht scheint bereits. 

Ich weiß, dass Jesus Christus das Licht der Welt ist. Ich weiß, dass er heute Menschen aus allen Nationen sammelt und dass die weltweite Ausbreitung des Evangeliums und der Tempel ein sichtbares Zeichen dieser Verheißung ist. Ich glaube auch, dass seine Gegenwart nicht nur in großen Ereignissen zu finden ist, sondern in den stillen Momenten unseres persönlichen Lebens. Wenn wir uns ihm zuwenden, kann sein Licht in uns scheinen, obwohl die Nacht um uns herum noch nicht vergangen ist. Wir müssen die Dunkelheit nicht besiegen, bevor wir Hoffnung haben dürfen. Wir dürfen uns aufrichten, weil unser Licht kommt.

2 thoughts on “Der Erlöser kommt nach Zion”

  1. Lieber Manfred,

    auch jetzt gerade wieder entwickelt sich neuerdings in mir das Gefühl einer finsteren Welt, wenn ich die neuesten Nachrichten verfolge, deren bedrohliche Geschehnisse sind zwar immer noch in einem gewissen Abstand [auch von mir] entfernt, aber doch irgendwie bedrohlich nahe genug… Ein vergleichbares Bild bezeugen diese historischen Zeilen:
    „Denn siehe, die Finsternis bedeckt die Erde und tiefes Dunkel die Völker; aber über dir geht der HERR auf.“
    Mit diesem durch das Wort ‚aber‘ eingeleitet kann ich wohl bereits heute darauf hoffen, daß es nicht ewig so dunkel um mich bleibt.
    Dieser bedeutende, bekannte Hoffnungsschimmer ist unverändert ein Signal, welches uns Kraft geben sollte, Zuversicht insbesondere verbreiten kann!

    Daran möchte ich mich gern halten und so nehme ich diese gute Nacricht mit den guten Stunden des Tages als Anlaß, um den HERRN zu loben und seine Früchte abermals zu ernten und mache mich auf die aufgeklappte Dreieck-Leiter, um noch etwas von den roten Trauben zu ernten, denn Susanne fand für mein Vorhaben nochmals leere gute Flaschen die ihrem Zweck dienlich seien könnten.

    Ich verbleibe mit lieben Grüßen, besten Wünschen, unverändert
    Claus.

  2. Lieber Claus,

    vielen Dank für deine nachdenklichen Worte. Ich kann gut nachvollziehen, was du beschreibst. Wenn man die Nachrichten verfolgt, scheint sich manches wie ein dichter werdender Schatten über die Welt zu legen. Gerade deshalb berühren mich die Worte aus Jesaja immer wieder neu: „Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde … aber über dir geht der HERR auf.“ Dieses kleine Wort „aber“ trägt tatsächlich eine große Verheißung in sich. Es erinnert uns daran, dass die Finsternis niemals das letzte Wort hat.

    Mir gefällt besonders, wie du den Hoffnungsschimmer nicht nur betrachtest, sondern ihn auch praktisch aufnimmst: den Herrn zu loben, die guten Stunden des Tages dankbar wahrzunehmen und die Früchte zu ernten, die gewachsen sind. Während die Nachrichten oft von Krisen berichten, erzählen die reifen Trauben an deiner Leiter von Gottes beständigen Segnungen im Alltag.

    Wie schön auch, dass Susanne noch passende Flaschen finden konnte. So kann aus den geernteten Trauben wieder etwas entstehen, das Freude bereitet und von der Fülle des Herbstes Zeugnis gibt. Vielleicht liegt darin ebenfalls eine stille Botschaft: Trotz aller Unruhe in der Welt schenkt der Herr uns immer wieder gute Gaben, die uns Zuversicht und Dankbarkeit lehren.

    Ich wünsche dir von Herzen weiterhin sichere Schritte auf der aufgeklappten Dreiecksleiter, eine reiche Ernte und vor allem den Frieden, der aus dem Vertrauen auf den Herrn erwächst. Möge sein Licht uns allen gerade in unruhigen Zeiten den Weg weisen.

    Mit lieben Grüßen
    Manfred

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