„das wollen wir ihren Kindern nicht verschweigen, sondern dem künftigen Geschlecht verkünden die Ruhmestaten des HErrn und seine Stärke und die Wunder, die er getan hat.“ (Psalm 78:4)
Psalm 70, 71 und 72; 78; 85 und 86
Erinnerung, Wiederherstellung und messianische Hoffnung
Es gehört zu den merkwürdigen Eigenschaften des Menschen, dass wir sowohl das Schmerzhafte als auch das Wunderbare vergessen können. Die Erinnerung verblasst. Was gestern noch unser Herz erfüllte, wird zur selbstverständlichen Gewohnheit. Gebete, die einst voller Sehnsucht gesprochen wurden, werden erhört – und einige Zeit später erinnern wir uns kaum noch daran, wie sehr wir einst auf Gottes Hilfe angewiesen waren.
Genau deshalb nimmt das Erinnern in den Psalmen einen so großen Raum ein.
Psalm 78 ist weit mehr als ein Rückblick auf Israels Geschichte. Er ist eine Einladung, das geistliche Gedächtnis lebendig zu halten. Der Psalmist erzählt von Gottes Wundern beim Auszug aus Ägypten, von seiner Führung durch die Wüste und von seiner Geduld trotz der wiederholten Untreue seines Volkes. Immer wieder zeigt sich dasselbe Muster: Gott handelt treu, das Volk vergisst, entfernt sich von ihm und gerät in Not. Doch der Herr gibt sein Volk nicht auf. Er erinnert sich an seinen Bund und beginnt immer wieder neu.
Diese Geschichte Israels ist zugleich unsere Geschichte.
Auch wir erleben Zeiten, in denen wir Gottes Nähe deutlich spüren. Ein Gebet wird beantwortet. Eine Entscheidung wird geführt. Ein Priestertumssegen schenkt Trost. Ein Schriftwort trifft unser Herz genau im richtigen Augenblick. Doch wenn neue Herausforderungen kommen, sind wir versucht zu denken, Gott habe uns verlassen. Dabei hat sich nicht Gottes Treue verändert – oft ist es unsere Erinnerung, die schwächer geworden ist.
Darum fordert der Psalm dazu auf, Gottes Handeln bewusst weiterzuerzählen. Eltern sollen ihren Kindern berichten, wie der Herr geführt hat. Gläubige sollen Zeugnis geben. Generationen sollen sich gegenseitig daran erinnern, dass Gott derselbe bleibt.
Dieses Prinzip zieht sich durch alle heiligen Schriften. Das Buch Mormon entstand ausdrücklich, damit spätere Generationen „der großen Dinge gedenken“, die Gott getan hat. Immer wieder wird dort das Wort „gedenken“ verwendet. Geistliche Stärke beginnt häufig damit, dass wir uns erinnern.
Auch Ether 12 zeigt dieses Muster eindrucksvoll. Der Herr erinnert Moroni daran, dass großer Glaube stets auf Erfahrungen mit Gottes Treue wächst. Menschen vertrauen ihm nicht blind; sie lernen ihm zu vertrauen, weil sie erleben, dass seine Verheißungen Bestand haben. Erinnerung wird so zum Fundament neuer Hoffnung.
Psalm 72 richtet den Blick noch weiter nach vorne.
Hier erscheint das Bild eines vollkommen gerechten Königs. Sein Reich bringt Frieden. Die Armen werden geschützt. Unterdrückung endet. Gerechtigkeit erfüllt das Land wie fruchtbarer Regen die Erde.
Schon die jüdischen Ausleger sahen in diesem Psalm weit mehr als einen Wunsch für Salomo. Er weist auf den kommenden Messias hin. Für Christen erfüllt sich diese Hoffnung in Jesus Christus.
Christus ist der König, dessen Reich nicht auf Macht, sondern auf Gerechtigkeit gegründet ist. Er heilt, statt zu zerstören. Er richtet auf, statt niederzudrücken. Er bringt Frieden, der tiefer reicht als politische Stabilität – Frieden zwischen Gott und seinen Kindern.
Doch diese Verheißung ist noch nicht vollständig erfüllt. Wir leben in einer Welt voller Kriege, Ungerechtigkeit und Leid. Gerade deshalb geben die Psalmen Hoffnung. Gottes Geschichte mit seinem Volk ist noch nicht abgeschlossen.
Psalm 85 greift diesen Gedanken auf:
„HERR, du bist deinem Land wieder gnädig gewesen.“ (Psalm 85:2)
Der Psalm erinnert zunächst an frühere Errettung. Dann folgt die Bitte um erneute Wiederherstellung. Schließlich mündet alles in die hoffnungsvolle Zusage:
„Gnade und Wahrheit sind einander begegnet, Gerechtigkeit und Friede küssen sich.“ (Psalm 85:11)
Diese Worte weisen weit über die damalige Zeit hinaus. Sie finden ihre tiefste Erfüllung im Sühnopfer Jesu Christi. Am Kreuz begegnen sich vollkommene Gerechtigkeit und vollkommene Barmherzigkeit. Dort zeigt Gott endgültig, dass seine Liebe stärker ist als Schuld und Tod.
Auch die Wiederherstellung des Evangeliums ist Ausdruck dieser göttlichen Treue. Gott hat sein Werk nicht aufgegeben. Er hat erneut Propheten berufen, Priestertumsvollmacht wiederhergestellt und das Buch Mormon hervorgebracht – ein weiterer Zeuge für Jesus Christus und zugleich eine Erinnerungsschrift für unsere Zeit (Lehre und Bündnisse 20:8–12). Sie ruft uns immer wieder dazu auf, Gottes Wirken nicht zu vergessen und seine Bündnisse treu zu halten.
Diese Wahrheit zeigt sich auch in der neueren Geschichte der Kirche.
Präsident Dieter F. Uchtdorf berichtet häufig von seiner Kindheit als Flüchtling nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine Familie musste ihre Heimat verlassen und wusste oft nicht, wie die Zukunft aussehen würde. Rückblickend erkannte er jedoch, dass der Herr sie auf jedem Schritt begleitet hatte. Was damals wie Unsicherheit erschien, wurde später zu einem bleibenden Zeugnis göttlicher Führung. Seine Erfahrungen erinnern daran, dass Gottes Hilfe oft erst im Rückblick in ihrer ganzen Tiefe sichtbar wird. Wer sich erinnert, entdeckt Spuren göttlicher Treue, die im Augenblick der Prüfung kaum zu erkennen waren. Biografie von Präsident Dieter F. Uchtdorf
Ebenso eindrucksvoll ist die Entwicklung der Kirche in Ghana. Jahrzehntelang warteten gläubige Menschen darauf, die Fülle der Segnungen des Evangeliums empfangen zu können. Trotz schwieriger Umstände hielten viele treu am Glauben fest. Heute stehen Tempel in Afrika, Gemeinden wachsen, und Millionen Menschen können Bündnisse mit Gott schließen. Was einst wie eine ferne Verheißung erschien, ist Wirklichkeit geworden. Gottes Zeitplan mag anders sein als unserer, doch seine Verheißungen erfüllen sich zuverlässig. Geschichte der Kirche in Ghana
Neil L. Andersen berichtet immer wieder von Mitgliedern in Ländern, in denen der Glaube Ablehnung oder sogar Verfolgung mit sich bringt. Dennoch bleiben viele standhaft, weil sie wissen, was Gott bereits in ihrem Leben getan hat. Ihre Erinnerung an frühere Segnungen schenkt Kraft für neue Herausforderungen. Gerade unter schwierigen Umständen wird deutlich, dass Hoffnung nicht aus günstigen Umständen wächst, sondern aus der Gewissheit, dass Christus derselbe ist – gestern, heute und in Ewigkeit. Geistig prägende Erinnerungen
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Anwendungen dieser Psalmen.
Führe ein geistliches Gedächtnis.
Schreibe Gebetserhörungen auf.
Erzähle deinen Kindern von Gottes Führung.
Lies alte Tagebucheinträge.
Teile dein Zeugnis.
Denn wenn der nächste Sturm kommt, wirst du nicht nur auf deine gegenwärtigen Gefühle angewiesen sein. Du wirst auf das zurückblicken können, was Gott bereits getan hat. Vergangene Gnade wird zur Grundlage zukünftigen Vertrauens.
Psalm 86 endet mit der Bitte:
„Gib mir ein Zeichen deiner Güte.“ (Vers 17)
Manchmal erwarten wir spektakuläre Wunder. Doch häufig besteht Gottes Antwort darin, uns an frühere Wunder zu erinnern. Seine Treue in der Vergangenheit wird zum Beweis seiner Treue für die Zukunft.
Darum endet dieser Schriftblock nicht mit einem Blick zurück, sondern mit Hoffnung.
Der Messias regiert.
Sein Werk der Wiederherstellung geht weiter.
Seine Verheißungen gelten noch immer.
Und eines Tages wird das Friedensreich, von dem Psalm 72 spricht, vollständig Wirklichkeit werden.
Bis dahin erinnert sich Gottes Volk – und lebt aus dieser Erinnerung voller Hoffnung.
Mein persönliches Zeugnis
Ich bin dankbar, dass Gott uns nicht nur Verheißungen für die Zukunft schenkt, sondern auch Erinnerungen an sein bisheriges Handeln. Immer wieder durfte ich erleben, dass der Herr Wege öffnet, die ich selbst nicht sehen konnte. Oft habe ich seine Führung erst im Rückblick klar erkannt. Gerade deshalb stärken mich die Psalmen so sehr. Sie laden mich ein, Gottes Treue bewusst festzuhalten und sie an die nächste Generation weiterzugeben. Ich weiß, dass Jesus Christus derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit. Er hat sein Volk nie vergessen, und er wird auch uns nicht vergessen. Seine Wiederherstellung der Fülle Seines Evangeliums in unserer Zeit ist ein lebendiges Zeugnis dafür, dass seine Verheißungen Bestand haben. Dafür bin ich von Herzen dankbar.


Lieber Manfred,
aus Deinem Zeugnis entnehme ich für mich diese kurze, aber so wichtige Psssage
„Ich weiss, dass Jesus Christus derselbe ist – gestern, heute und in Ewigkeit,“ und nahezu deckungsgleich lese ich, wenn ich in die evangelische Kirche in Falkensee-Finkenkrug trete und bevor ich mich dem Altarraum nähere, fällt dort mein Blick nahezu automatisch auf einem Bogen in dem ich von links nach rechts diese Worte lese:
„Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“
Diese zentrale Aussage ist Dir in Deinem Zeugnis sehr wichtig, sie zu benennen.
Gerade weil dies eben nicht nur für Dir so wichtig ist, zeigst Du es uns allen nochmals zum Nachlesen.
Ebenso sind diese Worte zur Neugestaltung des Kirchraums als wichtig erachtet worden und darum wurden sie so in den Bogen hinein geschrieben.
Diese Worte haben so wie für Dich auch für die Christen der Gemeinde in Finkenkrug eine herausragende Bedeutung.
Jedoch – sie könnten, da sie eine Art Wandschmuck darstellen, im täglichen Leben durch einen Gewöhnungseffekt leicht verblassen, gar untergehen.
Daher ist es mir so hilfreich und gut, dass Du sie explizit im Bekenntnis hingeschrieben hast und mir damit die Möglichkeit einräumst, darüber nachzudenken. So kurz, so inhaltsreich, so bedeutsam ist dieser Satz mit diesen wenigen Worten.
Vielen herzlichen Dank dafür!
Lieber Claus,
hab herzlichen Dank für deinen lieben, glaubensstärkenden Kommentar. Es freut mich sehr, wie aufmerksam du meinen Beitrag gelesen hast und wie tief du die zentrale Aussage aufgenommen hast, die mir selbst so wichtig ist: Jesus Christus ist derselbe – gestern, heute und in Ewigkeit.
Dass dir dieser Satz sofort vertraut war, weil er dir in deiner Kirche in Finkenkrug jedes Mal begegnet, ist ein schöner Gedanke. Manchmal stehen solche Worte jahrelang vor unseren Augen, fast wie ein stiller Begleiter, und doch entfalten sie ihre Kraft erst dann ganz neu, wenn wir ihnen bewusst begegnen – sei es im Gottesdienst, im persönlichen Gebet oder eben in einem Zeugnis, das wir lesen.
Du hast es wunderbar beschrieben: Auch die stärksten Worte können im Alltag verblassen, wenn man sie nur „vorbeigehen“ sieht. Aber sobald man sie wieder bewusst betrachtet, gewinnen sie Tiefe, Bedeutung und Wärme. Genau das ist geschehen, und ich freue mich sehr, dass mein Beitrag dir diesen Blick neu geöffnet hat.
Für mich ist dieser Satz ein Herzstück des Glaubens. Er trägt meine Zeugnisse, meine Beiträge und vieles von dem, was ich schreibe: die Gewissheit, dass Christus unverändert derselbe bleibt – verlässlich, nah, führend, tröstend. Dass du diese Bedeutung so klar erkannt und benannt hast, ist ein großes Geschenk.
Vielen Dank, lieber Claus, für deine wertschätzenden Worte und dafür, dass du deine eigenen Gedanken so offen und ehrlich teilst. Sie bereichern den Austausch und stärken den Glauben.
Herzliche Grüße,
Manfred