Joas und Amazja: Wenn geistliche Treue nur geliehen ist

Amazja, der Sohn des Joas, der König von Juda
(Bildquelle)

„Nach dem Tode Jojada’s aber kamen die Fürsten Juda’s und warfen sich vor dem Könige nieder; da schenkte dieser ihnen Gehör.“ (2 Chronik 24:17

2 Chronik 24 und 25 

Es gibt eine Art von Glauben, die erstaunlich lange echt aussehen kann. Sie geht zur Kirche, kennt die richtigen Antworten, erfüllt ihre Aufgaben und wirkt nach außen sogar vorbildlich. Doch manchmal zeigt sich erst in schwierigen Momenten, worauf dieser Glaube tatsächlich gegründet ist. Ist er tief im Herzen verwurzelt oder lebt er von der Kraft anderer Menschen? 

Die Geschichten von Joas und seinem Sohn Amazja in 2 Chronik 24–25 gehören zu den nachdenklichsten Berichten des Alten Testaments. Beide Könige beginnen vielversprechend. Beide erleben Segnungen Gottes. Beide treffen zunächst gute Entscheidungen. Und doch endet ihr Weg tragisch. Ihre Geschichte erinnert daran, dass Gott nicht nur äußeren Gehorsam sucht, sondern ein verändertes Herz. 

Joas beginnt sein Leben unter außergewöhnlichen Umständen. Als Kind wird er vor der mörderischen Königin Atalja verborgen und im Tempel geschützt. Der treue Hohepriester Jojada bewahrt nicht nur sein Leben, sondern prägt auch seinen Glauben. Solange Jojada lebt, scheint alles gut zu verlaufen. Der Tempel wird ausgebessert. Der Gottesdienst wird erneuert. Das Volk erlebt geistliche Erweckung. 

Die Schrift beschreibt diese Zeit mit bemerkenswerten Worten: „Und Joas tat, was recht war in den Augen des Herrn, solange der Priester Jojada lebte“ (2 Chronik 24:2). 

Dieses kleine Wort „solange“ verändert alles. 

Joas tat das Richtige – aber offenbar war sein Glaube stärker an Jojada gebunden als an Gott selbst. Als der alte Priester stirbt, tritt ans Licht, was bisher verborgen war. Neue Berater gewinnen Einfluss. Der König hört auf ihre Stimmen. Götzendienst kehrt zurück. Schließlich lässt Joas sogar Sacharja (Tempelpriester und Mahnprophet, aber kein Schriftprophet und nicht der Autor eines biblischen Buches), den Sohn Jojadas, töten, als dieser ihn zur Umkehr aufruft. 

Es ist erschütternd. Der Mann, dessen Leben durch Jojadas Familie gerettet wurde, wendet sich gegen eben jene Familie. Was war geschehen? 

Offenbar hatte Joas viele Jahre lang den Glauben seines Mentors gelebt, ohne ihn vollständig zu seinem eigenen Glauben werden zu lassen. 

Vielleicht kennen wir solche Situationen aus unserem eigenen Leben. Manche Menschen bleiben geistlich stark, solange Eltern, Ehepartner, Freunde oder Führer sie tragen. Solange jemand sie motiviert, erinnern, einladen und ermutigen muss, scheint alles gut zu laufen. Doch wenn diese Unterstützung wegfällt, beginnt der geistliche Rückgang. 

Das bedeutet nicht, dass Vorbilder unwichtig wären. Im Gegenteil. Gott schenkt uns Lehrer, Eltern, Propheten und Freunde als große Segnungen. Doch irgendwann muss jeder Mensch selbst vor Gott stehen. 

Niemand kann auf Dauer vom Zeugnis eines anderen leben. 

Die törichten Jungfrauen im Gleichnis Jesu mussten genau diese Lektion lernen. Als der Bräutigam kam, konnten sie kein Öl von den Klugen erhalten (Matthäus 25:8–9). Geistliche Vorbereitung lässt sich nicht übertragen. Präsident Spencer W. Kimball erklärte dazu treffend: „Das Öl der Bereitschaft kann nicht ausgeliehen werden.“ Jeder muss seine eigene Beziehung zum Herrn entwickeln und sein eigenes geistliches Öl sammeln. 

Ein ähnliches Muster sehen wir im Buch Mormon bei Laman und Lemuel. Sie erlebten dieselben Wunder wie Nephi. Sie sahen dieselben Engel. Sie hörten dieselben Offenbarungen. Doch während Nephi sein Herz dem Herrn zuwandte, blieben sie innerlich unbekehrt. Äußere Erfahrungen können persönliche Umkehr nicht ersetzen. 

Die Geschichte Amazjas zeigt anschließend eine andere Gefahr. 

Auch er beginnt gut. Die Schrift berichtet sogar, dass er „tat, was recht war in den Augen des Herrn“ (2 Chronik 25:2). Doch unmittelbar folgt eine bemerkenswerte Ergänzung: „jedoch nicht mit ungeteiltem Herzen.“ 

Wieder liegt das eigentliche Problem nicht im äußeren Verhalten, sondern im Herzen. 

Amazja erlebt militärische Erfolge. Gott segnet ihn. Doch aus den Erfolgen wächst langsam Stolz. Nach einem Sieg bringt er sogar die Götzen seiner besiegten Feinde nach Hause und verehrt sie. Später weist er prophetische Warnungen zurück. Schließlich überschätzt er sich selbst und führt einen unnötigen Krieg, der in einer schweren Niederlage endet. 

Geistlicher Stolz entsteht selten plötzlich. 

Er wächst oft langsam und fast unmerklich. Anfangs danken wir Gott für seine Hilfe. Dann beginnen wir, unsere eigenen Leistungen stärker wahrzunehmen. Schließlich glauben wir vielleicht, dass unsere Segnungen hauptsächlich das Ergebnis unserer eigenen Fähigkeiten seien. 

Genau davor warnte Mose Israel viele Jahrhunderte zuvor. Wenn Wohlstand kommt, wenn Siege errungen werden, wenn Gebete beantwortet werden, dann besteht die Gefahr, dass das Herz vergisst, wer diese Segnungen geschenkt hat. 

Manchmal sind Prüfungen für den Glauben leichter zu bestehen als Erfolge. 

In Schwierigkeiten wissen wir, dass wir Gott brauchen. Im Erfolg können wir uns einreden, dass wir ihn weniger brauchen. 

Die Geschichte der Heiligen der Letzten Tage enthält viele Beispiele dafür, wie wichtig persönliche Bekehrung ist. Die frühen Pioniere konnten nicht allein vom Glauben ihrer Eltern oder Führer leben. Jeder Einzelne musste sein eigenes Zeugnis entwickeln. Die Berichte über die Auswanderung nach Westen zeigen immer wieder Menschen, die unter extremen Bedingungen lernten, sich direkt auf den Herrn zu verlassen. 

Wer sich näher mit diesen Erfahrungen beschäftigen möchte, findet viele Quellen auf der offiziellen Seite der Kirche: Handkarrenabteilungen 

Ebenso zeigen die historischen Dokumente rund um die Gefangenschaft von Joseph Smith im Liberty Jail, dass selbst ein Prophet seine persönliche Beziehung zu Gott immer wieder vertiefen musste: Gefängnis zu Liberty 

Persönliche Bekehrung ist niemals abgeschlossen. Sie muss ständig erneuert werden. Sie kann nicht geerbt werden. Sie kann nicht ausgeliehen werden. Sie entsteht durch eigenes Beten, eigenes Schriftstudium, eigene Erfahrungen mit dem Herrn und durch die bewusste Entscheidung, ihm täglich nachzufolgen. 

Vielleicht liegt darin die wichtigste Frage dieses Schriftabschnitts. 

Wem gehört mein Zeugnis wirklich? 

Gehöre ich zu Christus, auch wenn niemand zusieht? Suche ich ihn auch dann, wenn kein Lehrer mich erinnert, kein Freund mich motiviert und keine Führungskraft mich auffordert? Würde mein Glaube bestehen bleiben, wenn alle äußeren Stützen wegfielen? 

Der Herr wünscht sich mehr als religiöse Gewohnheiten. Er möchte unser Herz gewinnen. Er möchte nicht nur, dass wir die Wahrheit kennen, sondern dass die Wahrheit Teil unseres Wesens wird. 

Joas verlor seinen Weg, weil sein Glaube zu sehr an einen Menschen gebunden war. Amazja verlor seinen Weg, weil sein Herz sich langsam dem Stolz öffnete. Beide Geschichten laden uns ein, tiefer zu gehen als bloße Frömmigkeit. Sie laden uns ein, Christus selbst kennenzulernen. 

Ich habe in meinem eigenen Leben festgestellt, dass geistliches Wachstum oft dann geschieht, wenn ich nicht mehr vom Glauben anderer leben kann. Es gab Zeiten, in denen die Zeugnisse anderer Menschen mich getragen haben. Dafür bin ich dankbar. Doch die tiefsten Erfahrungen entstanden, als ich selbst Antworten suchen, selbst beten und selbst auf den Herrn vertrauen musste. Gerade in solchen Momenten wird aus geliehenem Glauben persönliches Zeugnis. Dann wird Christus nicht nur der Erlöser anderer Menschen, sondern mein Erlöser. Dafür bin ich von Herzen dankbar und bezeuge, dass der Herr jeden Menschen einlädt, ihn persönlich kennenzulernen. Er lebt. Er führt uns geduldig. Und er kann aus äußerer Frömmigkeit eine tiefe und beständige Herzensveränderung machen.

2 thoughts on “Joas und Amazja: Wenn geistliche Treue nur geliehen ist

  1. Lieber Manfred,
    so ist es, dem eigenen tief in uns verankerten Wunsch – der auch nur durch Gottes Gnade selbst entstehen kann – ist es zu verdanken, wenn wir uns mit dem Thema Glaube tiefgründig auseinander setzen könnnen und wollen. Du tust dies sehr intensiv täglich.

    Dieses auf die zehn Gebote achten, in Hinwendung zu Gott, und zwar aus einem tief in uns verwurzelten Glauben heraus, im Vertauen auf Christis Existenz, bringt uns wirklich weiter in einer besonderen Wahrhaftigkeit.
    Äußerlichkeiten können dann unwichtig werden, sie geraten zur Unkenntlichkeit, treten in den Hintergrund zurück.

    Zum Beispiel tragen muslimische Frauen Schleier zum Zweck, daß der fremde Mann nicht durch ihre ggf. vorhandenen Reize ihrer schönen Äußerlichkeit aufgestachelt wird, nicht abgelenkt wird von seiner Bindung zu seinem ihm angetrauten Weib, nicht sündig wird, durch Blicke die nicht sein sollen, um so schließlich z.B. seiner „eigenen“ Frau gegenüber unteu zu werden.
    Aber es ist doch so, wenn mein Herz nur „ihr“ gehört, ich nur ihr ungeteilt treu bin und zwar aus eigenem Antrieb heraus [unter Gottes Gnade], dann sind solche Schleier nicht nötig, dann sagt sich der treue Gatte, „Was soll’s, es interessiert mich kein fremdes Weib, egal wie liebreizend sie auch immer aussieht“.
    Derjenige lebt und liebt mit ungeteilten Herzen seine Holde, seine schöne Frau, der sich selbst solche Blicke ohne Verlust verbietet.

    Und so ist es gemäß diesem zuvor aufgeführten Vergleich auch mit der Zuwendung zum HERRN. Es interessieren mich Äußerlichkeiten wenig, sie wurden und sind mir unwichtig geworden und ich sehe in ihnen unnötige Ablenkungen, auch in Liturgien, in im Gottesdienst aufgeführten Theaterstücken.
    Wenn ich mit Gott in einer Kirche im Gespräch bin, braucht es [in meiner Gottesdienststunde] keine Nebensächlichkeiten [die ggf. vom Wesentlichen ablenkend wirken].
    Wichtig ist doch [zumindest für mich] in einer Kirche einen Ort vorzufinden, wo in der Gemeinschaft der Christen genau so eine Atmosphäre zustande kommt, die die Anwesenden ihrem Ziel näher bringt, sich Christus möglichst zu nähern, um das was vom Heiligen Geist auf uns fällt, aufnehmen zu können, das eigene, ungeteilte Herz öffnen zu können für Gottes Wirken.
    So einfach – so kompliziert ist die Glaubensausübung im [halb]öffentlichen Raum, in einer Kirche [als Gebäude].
    Sich eine solche Beziehung zu Gott aufzubauen, erfordert Zeit, Erkenntnis und ja, zuerst auch eine gewisse Ausbildung, Schulung die frühkindlich einsetzen kann. Über weitere „Bildungswege“ entwickelt sich dann [unter Gottes Gnadenwirkung] ein Bewußtsein, was dazu führt, immer einmal wieder den Kontakt, die Zwiesprache zu suchen, die mehr eine fragende Beziehung von meiner Seite aus betrachtet darstellt, um daraus betend Bitten zu formulieren – die dann wie Wunder aus Gottes Wirken heraus in meinen Lebensweg insofern eingreifen, die ich zumeist etwas zeitversetzt in Gottes Antwort an mich als konkrete Erfüllung erfahre.
    Mein Lebenslauf gestaltet sich so geschmeidig durch göttliches sanftes Eingreifen. Das nehme ich oft staunend, freudig und dankbar zur Kenntnis.

    Auf dieses entwickelte Bewußtsein konnte Joas noch nicht zurück greifen, es war noch nicht so ausgeprägt.

    Ich wünsche Dir lieber Manfred ebensolche guten Erfahrungen, die ich in Folge meiner Gebet erfahren durfte. Gott zu vertrauen, sich ihm anvertauen [zu dürfen], will gelernt sein – und wir wissen, es gibt keine Garantie, daß dies so bleibt. Es ist die Gnade Gottes, die uns nach seinem Maß zukommt, daß wir in unserer Zuwendung zu Gott beständig bleiben. Ich bekenne, ich bin ein Sünder. Gott hat mir wohl oftmals sein Verzeihen geschenkt, warum ich dafür danke.

    Vielen Dank lieber Manfred für Deinen heutigen Text der mich bewog, dies hier alles zu schreiben.

    1. Lieber Claus,

      hab herzlichen Dank für Deine tiefen und persönlichen Gedanken. Ich freue mich sehr darüber, wie ernst Du den Weg des Glaubens nimmst und wie klar Du beschreibst, dass echte Hinwendung zu Gott aus einem inneren, von Ihm gewirkten Vertrauen entsteht. Deine Worte über Treue, Einfachheit im Gottesdienst und die stille, beständige Zwiesprache mit dem Herrn haben mich berührt.

      Es ist schön zu lesen, wie Du Gottes Wirken in Deinem Leben erkennst und dankbar annimmst. Solche Erfahrungen stärken auch meinen eigenen Glauben.

      Danke, dass mein Beitrag Dich zu diesen Zeilen bewegt hat. Ich schätze Deine Offenheit und Deine geistliche Verbundenheit sehr.

      Herzliche Grüße,
      Manfred

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